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Elementar-Pflichtversicherung - Braucht Deutschland ein neues Schutzkonzept gegen Naturkatastrophen?

Die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 machte deutlich: Deutschland ist auf Extremwetterereignisse unzureichend vorbereitet. Während die Gefahr durch den Klimawandel steigt, haben nur etwa 50 Prozent der deutschen Hausbesitzer eine Elementarschadenversicherung – im Vergleich zu 98 Prozent in Frankreich. Ist eine Pflichtversicherung nach französischem Vorbild der richtige Weg für Deutschland oder gibt es überzeugendere Alternativen?

Materna Group

Elementar-Pflichtversicherung - Braucht Deutschland ein neues Schutzkonzept gegen Naturkatastrophen

Das französische CatNat-Modell: Nur auf den ersten Blick attraktiv

Frankreich setzt seit 1982 auf das System „Catastrophe Naturelles” (CatNat), das auf drei Säulen basiert:

  1. Obligatorischer Versicherungsschutz: Elementarschäden sind automatisch in jeder Gebäude- und Hausratversicherung enthalten.

  2. Staatliche Rückversicherung: Die „Caisse Centrale de Réassurance” (CCR) übernimmt Risiken mit staatlicher Garantie.

  3. Präventionsfonds: Teile der Prämieneinnahmen fließen in Schutzmaßnahmen und notwendige Umsiedlungen.

Das auf den ersten Blick attraktive System weist jedoch erhebliche strukturelle Schwächen auf: Es ist laut französischem Finanzministerium seit 2015 defizitär. Die Abgabe wird deshalb zum Jahreswechsel von 12 auf 20 Prozent der regulären Versicherungsprämie angehoben. Die vom Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz genannte Behauptung einer günstigen Elementarversicherung von “durchschnittlich 26 Euro jährlich” ist irreführend, da zusätzlich die Kosten für die Grundversicherung hinzukommen.

Zudem gibt es keinen vertraglichen Anspruch auf Entschädigung. Gezahlt wird nur, wenn eine interministerielle Kommission das Ereignis als Naturkatastrophe einstuft – eine politische Entscheidung ohne Rechtsanspruch.

Kritik der Versicherungswirtschaft am französischen Modell

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) warnt vor einer direkten Übernahme des französischen Modells. Die stellvertretende GDV-Hauptgeschäftsführerin Anja Käfer-Rohrbach spricht von einem “vollständigen Paradigmenwechsel in der Zusammenarbeit von Staat und Assekuranz”, der zudem verfassungsrechtliche Risiken berge. (vgl. Versicherungswirtschaft heute, 07.06.2024 - GDV zur Debatte über Pflichtversicherung)

Kritisiert wird auch die fehlende Risikoorientierung: Die pauschale Abgabe führt dazu, dass Geringverdiener Gutverdiener subventionieren – unabhängig von der individuellen Risikolage. Die niedrigen Selbstbehalte von maximal 1.520 Euro setzen kaum Anreize für eigenverantwortliche Präventionsmaßnahmen.

Aktuelle politische Entwicklungen: Opt-out im Fokus

In den laufenden Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD nach der Bundestagswahl 2024 zeichnet sich ein Kompromiss ab: Statt einer strikten Pflichtversicherung favorisieren die Verhandlungspartner ein Opt-out-Modell. Dabei würden alle Gebäudeversicherungen automatisch Elementarschäden einschließen, Versicherungsnehmer könnten aber widersprechen.

Der GDV zeigt sich “vorsichtig optimistisch” gegenüber diesem Ansatz. In einem Papier der zuständigen Arbeitsgruppe der Koalitionsverhandlungen heißt es: “Wir führen ein, dass im Neugeschäft die Wohngebäudeversicherung nur noch mit Elementarschadenabsicherung angeboten wird, und im Bestandsgeschäft sämtliche Wohngebäudeversicherungen zu einem Stichtag um eine Elementarschadenversicherung erweitert werden.”

Assekurata-Experte Dennis Wittkamp sieht das Opt-out-Modell allerdings kritisch: “Es könnte dazu führen, dass sich Versicherungsnehmer mit hohem Risiko gegen den Schutz entscheiden und im Schadenfall auf staatliche Hilfe setzen. So würde die gewünschte Solidarität untergraben.” (vgl. Versicherungswirtschaft heute, 27.03.2025 - Reaktionen auf die Idee eines staatlichen Rückversicherers)

Das Schweizer Modell als robuste Alternative

Eine beachtenswerte Alternative bietet das Schweizer Modell, das SV-Chef Andreas Jahn als vorbildlich hervorhebt. Es kombiniert staatliche Regulierung mit privatwirtschaftlichen Ansätzen und gilt als äußerst robust und solidarisch.

In der Schweiz besteht in den meisten Kantonen eine Pflichtversicherung für Elementarschäden, die über kantonale Gebäudeversicherungen abgewickelt wird. Das System zeichnet sich durch zwei Solidaritätsprinzipien aus: Erstens zahlen alle Versicherten unabhängig vom individuellen Risiko einen einheitlichen Prämiensatz (Solidarität unter den Versicherten). Zweitens haben die Versicherer einen Risikoausgleich untereinander vereinbart, der die Belastungen großer Elementarschäden verteilt (Solidarität unter den Versicherern).

Ein besonderes Merkmal des Schweizer Modells ist die konsequente Risikopräventionspolitik. Nach Elementarschadenereignissen werden sogenannte “Red-Flag-Areas” definiert, in denen Neubauten besonderen Auflagen unterliegen oder gar nicht mehr genehmigt werden. Dies verhindert die Entstehung neuer Schadenspotenziale.

“Wir bauen neu in Überschwemmungsgebieten und wundern uns, wenn dann Schäden eintreten. Ich halte das für verrückt”, kritisiert der SV-Chef mit Blick auf Deutschland. Im Ahrtal sei fast jedes Gebäude an gleicher Stelle wieder aufgebaut worden – “was aus Risiko-Sicht kritisch, wenn auch aus emotionaler Sicht nachvollziehbar ist.” (vgl. Versicherungswirtschaft heute, 11.03.2025 - ZEV: Elementarschadenversicherung gehört in den Koalitionsvertrag)

Bemerkenswert ist auch die finanzielle Stabilität des Schweizer Systems: Die Gebäudeversicherungen arbeiten kostendeckend ohne staatliche Zuschüsse, verfügen über solide Rücklagen und benötigen kaum Rückversicherung, da der Risikopool zwischen den Kantonen bereits einen guten Ausgleich schafft.

Europäische Lösung als langfristige Perspektive

Während das Schweizer Modell auf nationaler Ebene funktioniert, gibt es auch Überlegungen zu einer länderübergreifenden Lösung. Analyst Carsten Zielke plädiert für einen europäischen Ansatz: “Eine europäische Lösung wäre eine gerechte Antwort auf den Klimawandel, da damit unterschiedliche geografische Räume für einen Ausgleich sorgen könnten. Portugal leidet unter Dürren und Erdbeben. Frankreich und Deutschland unter Starkregen.” (vgl. Versicherungswirtschaft heute, 27.03.2025 - Reaktionen auf die Idee eines staatlichen Rückversicherers)

Durch die Emission von Katastrophenanleihen, die unterschiedliche Gefahren abdecken, ließen sich laut Zielke mehr Risiken zu günstigeren Preisen absichern. Dies könnte ein starkes Zeichen in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten setzen.

Einigkeit bei Prävention

Trotz unterschiedlicher Ansätze sind sich alle Beteiligten einig: Prävention muss gestärkt werden. Der GDV fordert seit Jahren, klimaangepasstes Planen, Bauen und Sanieren in den Landesbauordnungen zu verankern.

Auch die Politik prüft, wie Planungsträger stärker in die Verantwortung genommen werden können, insbesondere bei der Ausweisung neuer Baugebiete in Risikolagen.

Fazit: Das Schweizer Modell als Vorbild für einen ganzheitlichen Ansatz

Deutschland benötigt dringend eine bessere Absicherung gegen Elementarschäden. Das französische CatNat-System bietet trotz hoher Versicherungsdichte keinen idealen Lösungsansatz für Deutschland – es ist finanziell instabil, rechtlich unsicher und bietet wenig Anreize für Prävention.

Das Schweizer Modell erscheint für die deutsche Situation am überzeugendsten: Es vereint Solidaritätsprinzipien mit konsequenter Prävention und finanzieller Stabilität. Die sich abzeichnende Opt-out-Lösung könnte ein erster Schritt in diese Richtung sein, sollte aber um wirksame Präventionsanreize und einen solidarischen Risikoausgleich ergänzt werden.

Langfristig könnte eine europäische Lösung die Risiken noch breiter streuen und die Finanzierung sicherer gestalten. Entscheidend bleibt jedoch: Ein wirksames System muss Versicherung, Prävention und staatliche Absicherung intelligent kombinieren, um den wachsenden Herausforderungen des Klimawandels gerecht zu werden.

Autor: Bernd Lohmeyer, Insurance Transformation Strategist bei Materna

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Verwende die folgende Quellenangabe, wenn du diesen Artikel zitierst.

Materna Group (2025). Elementar-Pflichtversicherung - Braucht Deutschland ein neues Schutzkonzept gegen Naturkatastrophen?. MoreThanDigital. ISSN 2673-1754. https://morethandigital.info/de/elementar-pflichtversicherung-braucht-deutschland-ein-neues-schutzkonzept-gegen-naturkatastrophen

Veröffentlicht
11. Juni 2025
Aktualisiert
30. Juli 2026
Originalsprache
DE
Auch verfügbar auf
EN

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